Meldung
13.06.2025
Interview: Maximilian Winter (Projekt LieferBotNet) zu Ergebnissen und Erkenntnissen aus der Forschungspraxis
Die Flut von nicht aufeinander abgestimmten Lieferkonzepten im städtischen Raum verstopft die Innenstädte und führt zu Staus und langen Wartezeiten bei der Zustellung. Die Projektverantwortlichen von LieferBotNet haben daher im BMWE-Technologieprogramm „IKT für Elektromobilität“ an einem System zur automatisierten Ver- und Entsorgung von Innenstädten durch autonome Fahrzeuge geforscht. Ziele waren die Beschleunigung von Logistikprozessen und die nachhaltige Entlastung der Umwelt in dicht besiedelten urbanen Räumen.

Maximilian Winter, Projektverantwortlicher bei LieferBotNet
© Celine Durlach
Herr Winter, was sind aus Ihrer Perspektive die Kernergebnisse des Projekts?
Maximilian Winter: Mit LieferBotNet haben wir zwei Ziele verfolgt: Auf der einen Seite stand eine digitale Plattform als Enabler für Last-Mile-Logistik Lösungen. Die verschiedenen Last-Mile-Delivery-Anbieter erhalten so die Möglichkeit, sich für eine durchgängige Paketlogistik zu vernetzen. Neuen Technologien wird somit ein guter Markteinstieg geboten. Insbesondere haben wir jedoch den Fokus auf Crowdworker gesetzt, damit diese neben dem Marktzugang den Ansporn bekommen, in so einem Last-Mile-Delivery-Kontext eine wichtige Rolle zu spielen.
Ausgehend von einem Lieferroboter haben wir es außerdem geschafft, verschiedene Module für den Outdoor-Einsatz zu entwickeln. Autonome Transportfahrzeuge FTS/AGV kennen wir schon aus der Intralogistik. Jetzt kam die Idee, unser Know-how auf die nächste Ebene zu bringen und Module zu entwickeln, die für den Outdoor-Bereich geeignet sind – sowohl hardware- als auch softwareseitig. Und da haben wir eine Menge erreichen können.

Lieferroboter des Projekts LieferBotNet auf den Tagen der digitalen Technologien 2024
© Lars Münster
Die Modularität stand bei der Entwicklung also im Mittelpunkt?
Ja, das war schon der Fokus. Wir haben Antriebsmodule, aus denen sich das Fahrwerk zusammensetzt. Wir haben ein Energiemodul, das relativ leicht austauschbar ist, für die Energieversorgung. Hinzu kommt ein Safety-Modul, das die Sicherheitstechnik und Sensorik übernimmt und wir haben zusätzliche Sensormodule, die primär für die Navigation zuständig sind. Bei jedem dieser Module hat der Hersteller eines autonomen Lieferroboters die Möglichkeit, über Notwendigkeit und Anzahl der Module zu entscheiden. Die können dann ganz individuell nach Bedarf zusammengestellt werden. Die Modularisierung hat aber natürlich den Nachteil, dass sie mehr Platz benötigt. Gerne hätten wir kompakter gebaut, das ist aber der Kompromiss, den man häufig bei der Modularisierung eingehen muss.
Das Spannende an der Plattform ist eben, dass wir eine Vernetzung verschiedenster Carrier, von Crowdworkern über Lieferroboter bis hin zu klassischen KEP-Dienstleistern ermöglichen. Dadurch kann die Marktteilnahme an der Paketlogistik enorm vereinfacht werden. Die Plattform rechnet dann zusätzlich die verschiedenen Routenoptionen durch. Mithilfe unterschiedlicher Knotenpunkte ermöglichen wir, den Pakettransport nach verschiedenen Kategorien zu optimieren. Beispiele wären der günstigste Preis, der geringste CO2-Fußabdruck oder auch die kürzeste Lieferzeit. Und das kann ich als Paketversender selbst entscheiden, was mir hier am wichtigsten ist.
Können Sie das bereits entwickelte Fahrzeug für die weitere Forschung verwenden?
Ja, auf jeden Fall! Dadurch, dass wir ein flexibles Fahrzeug aufgebaut haben, wollen wir insbesondere die Themen autonome Navigation und dynamische Fahrplanung weiter fokussieren und das Fahrzeug nutzen, um zu testen und zu experimentieren.
Was sind die nächsten Schritte? Gibt es weitere Forschungsthemen?
Ja. Wir stecken schon mitten im Folgeprojekt Medicar 4.0. Auch hier realisieren wir ein autonomes Logistikfahrzeug. Die größte Herausforderung liegt in der gemeinsamen Nutzung von Krankenhausgängen mit Patienten, Besuchern und Ärzten oder Pflegepersonal.
Finden die Erkenntnisse aus dem Projekt LieferBotNet darüber hinaus noch weitere Verwertung?
Das kurz- bis mittelfristige Ziel ist es, autonome Fahrzeuge im Outdoor-Bereich einzusetzen, vor allem auf Werksgeländen. Im Moment ist es so, dass diese fahrerlosen Transportsysteme im Fabrikumfeld fast ausschließlich im Indoor-Bereich anzutreffen sind. Gerade die Verknüpfung von mehreren Werkshallen wollen wir in den nächsten Jahren auf eine Produktebene bringen. Hier werden die Erkenntnisse von LieferBotNet auf jeden Fall mit einfließen.
Welche Rolle spielt im Kontext von LieferBotNet die Akzeptanz von außen?
Grundsätzlich haben wir in verschiedenen Projekten festgestellt, dass die Akzeptanz für Lieferroboter hoch ist. Es gibt Menschen, die sagen, sie wünschen sich den persönlichen Kontakt mit ihrem Lieferboten, aber die meisten finden die Technik eher faszinierend und freuen sich, sie kennenzulernen. Schwierig zu verstehen ist aber teilweise das flächenbewegliche Fahrwerk. Es hat große Vorteile, was die Beweglichkeit angeht, weil das Fahrzeug so entweder seitlich fahren oder in den diagonalen Krebsgang wechseln kann. Für den Menschen ist es allerdings nicht so leicht zu erkennen, was die Absicht des Fahrzeugs ist und wo es hinfahren möchte. Da sind wir unter anderem im Medicar 4.0-Projekt dran, die Interaktion zu begutachten.
Wie stellen Sie sich die Logistik der Zukunft vor?
Stellen wir uns einen Paketversand von Karlsruhe nach Berlin vor: Ich würde mir wünschen, dass wir dafür an jedem Knotenpunkt, an dem eine potenzielle Übergabe des Pakets stattfindet, den CO2-effizientesten und preisgünstigsten Weg finden. Eine Teilstrecke übernimmt beispielsweise ein Lieferroboter, eine andere Teilstrecke ein Crowdworker, der ohnehin auf dieser Relation unterwegs ist. Und in Berlin würde die Feinverteilung über ein Last-Mile-Delivery-System laufen, an dem wiederum andere Lieferroboter eines anderen Betreibers beteiligt sind. Je nach Stadtgebiet und Anforderung sind die Fahrzeuge unterschiedlich groß. Mein Wunsch wäre es, hier insgesamt eine höhere Flexibilisierung des Systems zu erreichen und den Markteinstieg für neue Teilnehmende zu erleichtern.
Was braucht es noch, damit die Vorstellung Wirklichkeit werden kann?
Ein großes Thema ist wahrscheinlich das Betreibermodell. Wer fühlt sich für eine übergreifende Plattform verantwortlich und wie teilen sich die Betreiber in den einzelnen Stadtvierteln auf? Solange es einen so großen Wettbewerb gibt, wird sich eine White-Label-Lösung nicht durchsetzen können. Meiner Meinung nach wäre es schöner, Ausschreibungen für verschiedene Wohngebiete anzubieten, sodass unabhängig vom Paketunternehmen je ein Betreiber dafür verantwortlich ist, zu liefern und das wiederum aber über verschiedene Technologien abbilden kann.
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Steckbrief: Maximilian Winter ist Projektmanager und Entwicklungsingenieur bei SEW-Eurodrive. Seit 2018 ist der 32-jährige Maschinenbauingenieur mit der Entwicklung innovativer Logistikkonzepte befasst. Zu seinen Aufgaben zählt unter anderem die Leitung von interdisziplinären Innovationsprojekten im Bereich AGV/AMR in der Forschungsabteilung der SEW-EURODRIVE GmbH & Co KG. Die Projekte efeuCampus, LieferBot-E und Medicar 4.0 sind einige seiner insbesondere im Outdoor-Bereich angesiedelten Vorhaben.
Weitere Informationen zum Projekt finden Sie hier.
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